Delegation bei der Veranstaltung Café Schytomyr

Ein Wochenende im Zeichen des Austauschs

In Anlehnung an die große Ukraine Unterstützungsveranstaltung Café Kyiv in Berlin fand am 29. und 30. Mai 2026 in Kassel das Café Schytomyr statt, organisiert von der Europa Union Kassel e.V. und Offen für Vielfalt e.V.

Dabei wurden Delegationen aus Kassels neuster Partnerstadt Schytomyr in der Ukraine und Schytomyrs polnischer Partnerstadt Gdynia in Kassel willkommen geheißen. Die Veranstaltung hatte zum Ziel, diese neue städtepartnerschaftliche Verbindung mit Leben zu füllen. In Podiumsdiskussionen und beim Fachaustausch konnten sich 150 interessierte Kasseler Bürgerinnen und Bürger einen konkreten Eindruck von Schytomyr machen und erfuhren, wie das Leben in einer Stadt funktioniert, die dem Krieg trotzt.

Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev war extra aus Berlin angereist und schilderte seine Perspektive auf die aktuelle Lage in der Ukraine. Er sprach seinen Dank für die Unterstützung aus Deutschland aus und verwies dabei auch für die militärische Unterstützung, die mitunter speziell in Kassel produziert werde. Das Programm begann am Freitagabend mit einer Filmvorführung von „Der lange Februar“ im Gloria Kino. Der Film dokumentiert den russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 und die darauffolgende Besetzung der Stadt Butscha. 60 Gäste waren der Einladung gefolgt und konnten im Nachgang die bewegenden Eindrücke des Films diskutieren. Daran nahmen auch Regisseur Michael Stadnik und Dr. Liubov Krupnyk vom Dokumentationszentrum des russisch-ukrainischen Krieges im Nationalmuseum der Geschichte der Ukraine in Kyiv teil.

Vier Podiumsgäste sitzen auf Stühlen auf einer Bühne

Der Samstag stand im Zeichen des Kennenlernens und des Austauschs. Unter Schirmherrschaft und nach Begrüßung durch Oberbürgermeister Sven Schoeller sowie dem stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Schytomyr, Oleh Smal, dem stellvertretenden Präsidenten der Stadt Gdynia, Tomasz Augustyniak, und der Vorsitzenden der Europa Union, Bożena Meske, wurde im Rahmen einer Paneldiskussion zu den gemeinsamen Werten, Zielen und Potenzialen der Zusammenarbeit die Beziehung der Ukraine zur Europäischen Union facettenreich diskutiert. Teilnehmer des Panels waren Botschafter Makejew, der Bundestagsabgeordnete Boris Mijatovic und Dr. Oleksandra Keudel von der Kyiv School of Economics. Moderiert wurde die Diskussion im Kasseler Rathaus von Viola von Cramon. Frau Keudel berichtete, wie Demokratie unter Kriegsbedingungen funktionieren kann und von einem Bürgerrat, der in Schytomyr das Konzept der Verkehrsinfrastruktur erarbeitet hatte – demokratische Beteiligung vom feinstem und sicherlich auch in Kassel nachahmenswert. Anschließend zeigte ein Fachvortrag von Dr. Yulia Kravchenko von der Nationalen Universität Kyiv-Mohyla-Akademie, wie die deutsch-polnisch-ukrainische Geschichte die Zusammenarbeit der Länder prägte und bis heute beeinflusst. Diese gemeinsamen Erfahrungen bilden ein Fundament, auf dem es sich heute weiteraufzubauen lohnt.

Die interessierten Anwesenden konnten im Nachgang an verschiedenen Panels teilnehmen:

  • Es wurde über den Zivilschutz und veränderte Kriegsführung diskutiert;
  • Igor Kąkolewski, Leiter des Zentrums für Historische Forschung in Berlin, stellte Materialien dar, mit den ein sachgerechter Schulunterricht über die Geschichte der Ukraine angeboten werden kann;
  • Dr. Renate Petzinger widmete sich gemeinsam mit Viktoria Rozentsveih den Themen „Kunst unter Extrembedingungen“ und „ukrainische Künstlerinnen auf der documenta“;
  • Die Sparte Literatur bedienten die Kasseler Verlegerin Eva Reichenberger, Dr. Alexander Kratochvil, der u.a. die Werke von Oksana Sabuschko ins Deutsche übertragen hat, und Artur Weigandt, der aus seinem Buch „Für Euch würde ich kämpfen“ las;
  • Gäste aus Dortmund und Gdynia, den weiteren Partnerstädten von Schytomyr, diskutierten mit interessierten Kasslerinnen und Kasselern über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit bei der Unterstützung ihrer ukrainischen Partnerstadt;
  • Die Stadtverordnetenvorsitzende Dr. Martina van den Hövel-Hanemann, die im August 2025 an einer Delegationsreise nach Schytomyr teilnahm, bot eine Führung durch die Ausstellung über Schytomyr im Eingangsbereich der Stadtbibliothek an. Diese kann bis Ende Juni besichtigt werden.
Zwei Frauen vor einem Rednerpult

Der Abend klang mit einer Lesung aus „Ich werde die Handschellen zerreißen“ von Olena Piekh und Elwira Niewiera mit musikalischer Begleitung aus. Die Gedichte verarbeiten die Erfahrungen der Künstlerin, die sechs Jahre russische Gefangenschaft, geprägt von Folter und sexualisierter Gewalt, überlebte. Dieser Abend wurde in Zusammenarbeit mit den Ukrainern in Kassel und Umgebung vorbereitet. Da bei so einer internationalen Zusammensetzung die Lingua franca immer wieder Verhandlungssache ist, wurde die Veranstaltung durch 6 Dolmetscher begleitet. Die Brencher Buchhandlung bot darüber hinaus einen Büchertische mit Literatur über die Ukraine, sowie mit übersetzten Werken ukrainischer Autoren an.

Musik auf der Bühne

Die Veranstaltung wurde finanziell unterstützt durch die Stadt Kassel, die Kasseler Sparkasse, die Hessische Staatskanzlei, das Kulturreferat für Russlanddeutsche, die Dieter von Waitz Fundation, das Polnische Generalkonsulat in Köln und den Landesverband der Europa Union Hessen.

Im Vorfeld von Café Schytomyr besuchte die ukrainische Delegation verschiedene Institutionen in Kassel: die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg, die für den Zivilschutz zuständige Abteilung im Rathaus, die GWG Kassel und das INTERIMTheater. Besonders emotional war der Besuch beim Ukrainischen Haus, wo die Kinder eine Tanzaufführung vorbereiteten und Briefe an für Kinder von Schytomyr überreichten.

Bericht von Bożena Meske, Vorsitzende der Europa Union Kassel e.V.